Was denken Konstanzer*innen über KI? Wie nutzen Konstanzer*innen KI? Und was wünschen sie sich von einer Zukunft, aus der künstliche Intelligenz nicht mehr wegzudenken ist? Diesen und vielen weiteren Fragen sind wir als Projektgruppe „Konstanz zu KI“ der Universität Konstanz im Austausch und in Kooperation mit Konstanzer Bürger*innen nachgegangen.
von Johanna Gajewski, Sina Schäfer, Marianna Hettich und Cornelia Lintz
Was ist Citizen Science?
Den Rahmen des Projekts bildet der Forschungsansatz der Citizen Science. Klingt komplizierter, als es ist: Citizen Science zielt auf ein „Forschen mit“ statt auf ein „Forschen über“ ab. Das bedeutet, dass nicht wie üblich durch klassische Befragungen über Menschen geforscht wird, sondern durch interaktive Mitwirkung mit Menschen gemeinsam geforscht und analysiert wird. Warum ist das wichtig? Weil wir alle mit unseren individuellen Erfahrungen und Blickwinkeln Wissen beisteuern, das die Forschung bereichert, stärkt und schließlich der Gemeinschaft zugutekommt.

Um das zu erreichen, braucht es also einen interaktiven Forschungsablauf. Und wo erreicht man möglichst viele Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen? Nun ja, überall! Los geht also unsere Wanderung durch Konstanz: von Schulen über das Bürgerbüro, das Jugendzentrum, die Quartiersläden und Anschlussunterbringungen bis hin zum Altersheim. Offen gestaltete Plakate sollen ein Meinungsbild einfangen. Aber das reicht natürlich nicht. Wir wollten mehr wissen, mehr Austausch ermöglichen und noch mehr Menschen einbeziehen.
In diesem Lehrprojekt haben wir im Sommersemester 2025 ein Experiment gewagt: Was passiert, wenn Studierende gemeinsam mit Personen aus der Bevölkerung unter Anleitung von Praxispartner*innen und Mentor*innen eigene Forschungsprojekte durchführen? Wie bereichern das unterschiedliche Fach- und Alltagswissen, die verschiedenen Perspektiven, Zugänge, Imaginationen, Fragen und Erfahrungen die Forschung zu künstlicher Intelligenz und Nachhaltigkeit? Welchen Herausforderungen begegnen wir und welcher Mehrwert entsteht für die Beteiligten?
Mehr zum Lehrprojekt findest du hier.
Geleitet wurde das Lehrprojekt von Dr. Eva Riedke (Lehrstuhl für Ethnologie und Kulturanthropologie, Universität Konstanz), Melanie Brand (Citizen Science Zürich, UZH und ETH) und Sophie Tichonenko (karla Magazin, Konstanz).
So landen wir auf der Marktstätte an einem Freitagnachmittag im Juli. Große, bunte Plakate mit viel Platz für Gedanken, Meinungen und Perspektiven ziehen weit mehr als 100 Menschen an. Schnell wird klar: Dieser neu geschaffene Raum für Austausch ist gefragt und gebraucht.

Keine klassische Auswertung
Nach einem langen Abend mit vielen interessanten Gesprächen und bemerkenswerter Teilhabe stehen wir mit zehn riesigen Plakaten, stundenlangem Interviewmaterial und müden, aber glücklichen Gesichtern vor dem letzten Schritt der Forschung: der gemeinsamen Auswertung aller gesammelten Daten.
Eine Woche später treffen sich 12 interessierte Bürger*innen einen ganzen Nachmittag lang im Treffpunkt Petershausen für die große Analyse. Gemeinsam wurde diskutiert, überlegt und kategorisiert.


Was denkt denn nun Konstanz zu KI?
Gemeinsam konnten wir aus den Daten ein klares, oder besser gesagt unklares, Meinungsbild ablesen. Immer wieder zeigen sich Widersprüche und zwiespältige Meinungen. Auf der einen Seite sehen Konstanzer*innen künstliche Intelligenz als Chance, als technisches Hilfsmittel, als nächsten Schritt der Entwicklung, der einen praktischen Mehrwert bringt. Als Unterstützung in der Schule, zur persönlichen Beratung und als Chance für mehr Gleichheit wurde KI als Teil der alltäglichen Realität beschrieben. Immerhin gaben 49 von 102 Stimmen an, dass KI in ihrem Alltag präsent und nicht mehr wegzudenken sei.

Auf der anderen Seite zeigen die Daten, dass Konstanzer*innen auch eine Gefahr in der KI sehen. Kontrollverlust, Reproduktion von Vorurteilen, Machtmissbrauch, das Risiko der Verdummung und die fehlende Nachhaltigkeit sind nur ein paar der genannten Gefahrenbilder. Es wird klar: Die Nutzung von KI ist nicht ohne Herausforderungen zu betrachten.

Ein zweites Spannungsfeld, das gemeinsam herausgearbeitet wurde, ist die Unterscheidung zwischen KI als Mensch und KI als Nicht-Mensch. Viele Konstanzer*innen sehen die KI als einen Menschen oder, besser gesagt, als etwas, das zu menschenähnlich ist. Die Angst, ersetzt zu werden, ist groß, besonders im Arbeitskontext.
Die Abhängigkeit von einer Maschine, die zu sehr an einen denkenden Menschen erinnert, ist beängstigend, ebenso wie die Sorge, eigene Denkfähigkeiten zu verlernen. Außerdem verschwimmen durch KI die Grenzen zwischen Realität und Fälschung. Nicht grundlos stößt das auf Bedenken. Aber nicht nur das: Tatsächlich sehen einige Konstanzer*innen in der KI eine Zukunftsbedrohung, ja, sogar die Angst vor einer möglichen Weltherrschaft wird mehrfach genannt.
Im Gegensatz dazu sind sich viele Konstanzer*innen einig, dass künstliche Intelligenz niemals Menschen ersetzen kann. Schließlich habe KI ja kein Herz. Es ist und bleibt also eine Maschine, ein Werkzeug. Eines, das wir selbst führen und damit auch Verantwortung tragen. Diese Ergebnisse zeigen deutlich, dass eine zwiegespaltene Meinung und Verwendung von künstlicher Intelligenz vorherrscht.
Und wie geht es jetzt weiter?
Um sich gemeinsam dieser neuen Entwicklung zu stellen, brauchen wir Zusammenhalt, gemeinschaftliches Entdecken und Offenheit. Lasst uns zusammen den kritischen Blick auf die angeblich „allwissende“ Technik nicht verlieren. Mit Reflexion und Geduld an diese Neuerungen heranzugehen, sollte Voraussetzung für unseren Umgang mit KI sein.
„Konstanz zu KI“ ist zwar ein Projekt, das an der Universität gestartet ist, aber dort soll es nicht enden. Das karla Magazin wird mit „Konstanz zu…“ eine neue partizipative Artikelreihe starten, in deren Mittelpunkt die Meinungen von Konstanzer*innen stehen. Gemeinsam wollen wir wissen: Was denken Konstanzer*innen zu brandaktuellen Themen? Was brauchen Konstanzer*innen? Was kann oder muss getan werden, um diesen Stimmen gerecht zu werden?
In diesem Sinne: Haltet die Augen offen nach mehr von „Konstanz zu…“ und seid das nächste Mal selbst Teil des partizipativen Forschungsansatzes direkt im Stadtzentrum. Eure Perspektiven, eure Meinung und eure Erfahrungen sind gefragt!
Dieser Text ist auch bei karla-magazin.de erschienen. Das karla-magazin.de ist ein lokaljournalistisches, gemeinwohlorientiertes und ehrenamtlich getragenes Online-Magazin aus Konstanz. Mit dem Ziel, Demokratie und Medienvielfalt vor Ort zu stärken.

Eine Antwort zu „Citizen Science in Konstanz: Wenn Bürger*innen mitforschen“
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