Frauen werden im Gesundheitssystem häufig nicht ernst genommen – das zeigen nicht nur Studien, sondern auch die Konsequenzen. Viele meiden Arztbesuche aus genau dieser Sorge. Die Projektgruppe „Auf Brusthöhe“ nähert sich mithilfe der „Citizen Science“ der Frage, welche Rolle Künstliche Intelligenz in der Frauenmedizin spielen kann: als Chance, Diagnosen zu verbessern, aber auch als Technologie, die bestehende Ungleichheiten fortschreiben könnte.
von Elena Sieber, Jessika Stetter, Giulia Gronau
Frauen sind in der Medizin unterrepräsentiert und werden in der Gesundheitsversorgung nachweislich benachteiligt. Im Alltag heißt das: 39 Prozent der Frauen meiden Arztbesuche aus Angst, nicht ernst genommen zu werden. In der Altersgruppe der 18- bis 34-Jährigen sind es sogar 50 Prozent. Das passiert nicht ohne Grund. Diese Zahlen illustrieren den sogenannten „Gender Health Gap„, der nicht nur auf den unterschiedlichen Krankheitsverlauf je nach Geschlecht hinweist, sondern besonders die Benachteiligung von Frauen in der ärztlichen Behandlung aufzeigt.
Was kann unser Projekt zu diesem Thema beitragen?
In Seminar „Citizens Consider(ed)“ an der Universität Konstanz verfolgten wir als Projektgruppe das Ziel, ein Thema zu erforschen, das künstliche Intelligenz (KI) und Nachhaltigkeit verbindet. Unsere Projektgruppe bestand aus drei jungen Frauen, die alle bereits negative Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem gemacht hatten. Entsprechend haben wir uns gefragt: „Was muss sich in Zukunft verändern und wie können wir dazu beitragen?“.
Citizen Science zielt auf ein „Forschen mit“ statt auf ein „Forschen über“ ab. Das bedeutet, dass nicht wie üblich durch klassische Befragungen über Menschen geforscht wird, sondern durch interaktive Mitwirkung gemeinsam mit Menschen geforscht und analysiert wird. Warum ist das wichtig? Weil wir alle mit unseren individuellen Erfahrungen und Blickwinkeln Wissen beisteuern, das die Forschung bereichert, stärkt und schließlich der Gemeinschaft zugutekommt.
Uns war bewusst, dass wir als Soziologiestudentinnen keinen direkten Einfluss auf das aktuelle Gesundheitssystem nehmen können. Allerdings können wir in einem anderen wichtigen Bereich etwas bewegen: der Aufklärung. Und genau an dieser Stelle kommt auch die KI ins Spiel. KI wird bereits in unser alltägliches Leben integriert, und auch das Gesundheitswesen hat damit begonnen, KI-Systeme und Programme zu verwenden.
„Wenn Kl Routinearbeit übernimmt, bleibt mehr Zeit für echte Patient*innengespräche“ – Fachpersonal im Interview mit den Citizen Scientists
Unser Projekt basiert auf einer KI, die bereits in der Oberschwabenklinik Ravensburg verwendet wird. Diese KI unterstützt die behandelnden Ärzt:innen bei der Diagnose von Brustkrebs bei Frauen. Zu Anfang hatten wir vor, sowohl mit Ärzt:innen als auch Patient:innen aus der Klinik in Ravensburg sowie dem Klinikum in Konstanz Gespräche und Interviews zu führen. Leider mussten wir diese Idee aufgrund ausbleibender Antworten und negativer Rückmeldungen verwerfen.
Anstatt in Krankenhäusern nach Ärzt:innen zu suchen, haben wir unsere Suche auf anderes medizinisches Fachpersonal ausgeweitet. Letztendlich durften wir mit einer Hebamme, einer Hebammenstudentin und einer Auszubildenden im Bereich der Pädiatrie (Kinderheilkunde) zusammenarbeiten.
Ein etwas anderer Forschungsablauf
Anders als in einem üblichen Forschungsablauf, haben wir uns zuerst auf die Suche nach sogenannten Citizen Scientists gemacht. Also Bürger:innen, die innerhalb unseres Projekts zu Forschenden werden. Ihre Expertise? Die Erfahrung, die sie in ihrem täglichen Leben machen. Schließlich handelt es sich bei diesem Projekt um eine partizipative Forschung. Deshalb haben wir mithilfe von Flyern, Social Media Posts und persönlichen Kontakten versucht, Fachpersonal und Bürger:innen für unser Projekt zu gewinnen. Leider haben wir auch hier nur wenig Rückmeldung für unsere Suche bekommen und es stellte sich die Frage, warum sich nur wenige Leute für diese Thematik interessiert haben. Trotz aller Schwierigkeiten haben wir sechs Frauen gefunden, die mit uns über ihre Erfahrungen, Erwartungen, Ängste und Wünsche in Bezug auf KI in der Brustkrebsfrüherkennung sprechen und forschen wollten.
„Wir dürfen der KI nicht blind vertrauen. Die Verantwortung liegt bei uns Fachkräften.“ – Fachpersonal im Interview mit den Citizen Scientists
Und so ging unsere Forschung los. Zuerst sprachen wir mit den sechs Frauen, unseren Citizen Scientists, über die neue KI, die in Ravensburg verwendet wird. Wir haben ihnen die Anwendung der KI erklärt und danach mit ihnen sowohl über die Chancen und Herausforderungen gesprochen, die so eine KI darstellt. Natürlich hatten auch ihre persönlichen Ängste, Hoffnungen, Sorgen und Wünsche Platz. Zusammen mit den Citizen Scientists und basierend auf den Gesprächen haben wir anschließend einen Interviewleitfaden für die Dialoge mit dem Fachpersonal entworfen.
In diesem Lehrprojekt haben wir im Sommersemester 2025 ein Experiment gewagt: Was passiert, wenn Studierende gemeinsam mit Personen aus der Bevölkerung unter Anleitung von Praxispartner*innen und Mentor*innen eigene Forschungsprojekte durchführen? Wie bereichern das unterschiedliche Fach- und Alltagswissen, die verschiedenen Perspektiven, Zugänge, Imaginationen, Fragen und Erfahrungen die Forschung zu künstlicher Intelligenz und Nachhaltigkeit? Welchen Herausforderungen begegnen wir und welcher Mehrwert entsteht für die Beteiligten?
Mehr zum Lehrprojekt findest du hier.
Geleitet wurde das Lehrprojekt von Dr. Eva Riedke (Lehrstuhl für Ethnologie und Kulturanthropologie, Universität Konstanz), Melanie Brand (Citizen Science Zürich, UZH und ETH) und Sophie Tichonenko (karla Magazin, Konstanz).
Danach haben wir die Interviews mit dem Fachpersonal geführt und dabei nicht nur ihre fachspezifischen, sondern auch ihre persönlichen Meinungen zum Thema eingeholt. Die Interviews haben wir abschließend an die Citizen Scientists zurückgegeben und mit ihnen besprochen. Wir wollten wissen, welche Aussagen sie zustimmen, welche sie widersprechen und ob sie ihnen neue Perspektiven eröffnet haben. Basierend auf den Gesprächen und den Interviews haben wir einen Infoflyer und einen Instagram-Post erstellt, in denen wir unsere Erkenntnisse zusammengefasst haben, um sie veröffentlichen zu können.






Was bleibt nach dem Projekt?
Unser Ziel war es, Aufmerksamkeit für frauenspezifische Themen in der Medizin zu schaffen und aufzuklären. Dass wir deutlich weniger Gespräche führen konnten als geplant, werten wir als Hinweis darauf, wie gering das Interesse an diesen Fragen noch immer ist. Gerade deshalb haben wir unsere Ergebnisse so aufbereitet, dass sie langfristig zugänglich sind und künftig mehr Menschen informieren können.
Für uns zählt, den Anfang gemacht zu haben. Solange Frauen im Gesundheitswesen weiterhin strukturell benachteiligt sind, braucht es Eigeninitiative: sich Wissen anzueignen, es weiterzugeben und anderen den Zugang dazu zu erleichtern. Veränderung beginnt klein, aber sie beginnt nur, wenn jemand losgeht. Wir möchten mit dem Projekt informieren, ermutigen und Gespräche anstoßen.
