Capture & Connect: Ideen für eine Stadt, die allen gehört und was KI damit zu tun hat

Wie könnte Konstanz für alle lebenswerter werden, mit mehr Grün, mehr Schatten, mehr Aufenthaltsorten? Vier Soziologiestudentinnen der Universität Konstanz haben diese Frage gemeinsam mit Jugendlichen im Jugendzentrum aufgegriffen. Im Projekt „Konstanz Capture & Connect“ fotografierten sie Orte mit Veränderungspotenzial und übersetzten Wünsche mithilfe künstlicher Intelligenz in neue Bildentwürfe, die anschließend kritisch diskutiert wurden.

von Pia Petosic, Hannah Weilacher, Sophie Wieners und Charlotte Schwarz

Stellen wir uns ein Konstanz für alle vor. Eine Stadt, die Raum für die Bedürfnisse und Wünsche aller dort lebenden Bürger*innen bietet. Wie könnte man diesem Ziel näherkommen und welche Schritte wären dafür notwendig? Diese Fragen haben auch wir uns gestellt. Wir, das sind vier Soziologiestudentinnen der Universität Konstanz, haben uns im Rahmen eines Projektseminars dieser Herausforderung angenommen.

Veränderung braucht Zeit

Veränderung braucht Zeit. Darüber waren und sind wir uns im Klaren. Maßnahmen für mehr innerstädtische Begrünung, mehr Schatten oder weitere Aufenthaltsmöglichkeiten können nicht von heute auf morgen aus dem Boden gestampft werden. Was hingegen möglich ist, sind Austausch, Ideen sammeln und Brainstorming. Wir wollten ein Projekt entwerfen, das zwei Komponenten vereint: KI (künstliche Intelligenz) und die Meinungen von Bürger*innen zu möglichen Veränderungsmaßnahmen in Konstanz. Was wünschten sie sich, welche Orte meiden sie, welche Plätze können optimiert werden? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, ist unser Projekt „Konstanz Capture & Connect” entstanden.

Citizen Science zielt auf ein „Forschen mit“ statt auf ein „Forschen über“ ab. Das bedeutet, dass nicht wie üblich durch klassische Befragungen über Menschen geforscht wird, sondern durch interaktive Mitwirkung gemeinsam mit Menschen geforscht und analysiert wird. Warum ist das wichtig? Weil wir alle mit unseren individuellen Erfahrungen und Blickwinkeln Wissen beisteuern, das die Forschung bereichert, stärkt und schließlich der Gemeinschaft zugutekommt.

Der Fokus des Projekts „Capture & Connect“ liegt auf jungen Menschen. Personen, die selbst nur bedingt an großen Entscheidungen mitwirken können und gleichzeitig vergleichsweise lange mit den Maßnahmen leben werden. Für uns war daher klar, dass wir mit dem Jugendzentrum der Stadt Konstanz (JuZe) zusammenarbeiten wollen. Ganz konkret bot das Projekt einen Rahmen, in dem die Jugendlichen ihre Vorstellungskraft und künstliche Intelligenz verbinden konnten.

Sie haben Orte in Konstanz fotografiert, in denen sie Veränderungspotenzial gesehen haben. Diese Fotos wurden mit den jeweiligen Veränderungswünschen als Prompts bei ChatGPT-Plus hochgeladen und in neue Bilder umgewandelt. Beispielsweise wurde ein Sportplatz fotografiert, der im Sommer nahezu eine Sonnenstichgarantie bietet, und mithilfe von KI durch zusätzliche Begrünung deutlich schattiger wurde.

In diesem Lehrprojekt haben wir im Sommersemester 2025 ein Experiment gewagt: Was passiert, wenn Studierende gemeinsam mit Personen aus der Bevölkerung unter Anleitung von Praxispartner*innen und Mentor*innen eigene Forschungsprojekte durchführen? Wie bereichern das unterschiedliche Fach- und Alltagswissen, die verschiedenen Perspektiven, Zugänge, Imaginationen, Fragen und Erfahrungen die Forschung zu künstlicher Intelligenz und Nachhaltigkeit? Welchen Herausforderungen begegnen wir und welcher Mehrwert entsteht für die Beteiligten?

Mehr zum Lehrprojekt findest du hier.

Geleitet wurde das Lehrprojekt von Dr. Eva Riedke (Lehrstuhl für Ethnologie und Kulturanthropologie, Universität Konstanz), Melanie Brand (Citizen Science Zürich, UZH und ETH) und Sophie Tichonenko (karla Magazin, Konstanz).

Die großen W-Fragen: In drei Schritten zum Projekt

Die großen W-Fragen führen uns zu den Meilensteinen unseres Projekts. Rückblickend können wir von drei Schritten reden.

Die Vorbereitung

Das JuZe hatte nach einem ersten Informationsaustausch per E-Mail und einem anschließenden Treffen vor Ort zugesagt, mit uns zusammenzuarbeiten. Konkret wollte es gemeinsam mit uns für die geplanten Veranstaltungen Werbung machen, uns die nötige Zeit und die Räumlichkeiten zur Verfügung stellen oder im Anschluss über die Veranstaltungen reflektieren. Die Frage nach dem „Wer” war somit geklärt. Als Ort haben wir uns für die Räume des JuZe entschieden und zeitlich hieß es „ranhalten”, da die Sommerferien vor der Tür standen und wir ungern mit Ferienplänen konkurrieren wollten. Für zwei geplante Veranstaltungen im JuZe haben wir als Projektleitung den Ablauf und die benötigten Materialien vorbereitet.

Die erste Veranstaltung

Unser erstes Treffen war geprägt davon, dass wir mit den Jugendlichen ins Gespräch kamen, gemeinsam veränderungswürdige Orte definierten und ausgeschwärmt sind, um Fotos zu machen. Besonders nützlich waren dabei Plakate, die inhaltlich in unser Thema eingeleitet haben oder die wir genutzt haben, um gemeinsame Ideen schriftlich festzuhalten. Nicht zu vergessen ist an der Stelle die Verpflegung, die wir bereitgestellt haben und die sicherlich die ein oder andere Person in tiefere Gespräche verwickelt hat, als es ansonsten möglich gewesen wäre.

Veranstaltung Nummer Zwei

Auch beim zweiten Treffen hier haben sich Plakate und Snacks bewährt, wobei wir uns inhaltlich auf die Bewertung der neuen KI-generierten Bilder konzentriert haben. Die Fotos, die die Jugendlichen gemacht hatten, wurden von uns bis zum zweiten Treffen bei ChatGPT-Plus hochgeladen und entsprechend den Wünschen, z.B. hinsichtlich mehr Schatten, bearbeitet. Wie praktisch es beispielsweise war, dass der Schatten von Bäumen fallen sollte, die mitten auf dem Sportplatz standen, wurde an diesem Tag diskutiert, und es wurde deutlich, dass KI zwar sinnvoll, aber definitiv (noch) nicht endgültig fertig ist.

Ergebnisse der KI-generierten Bilder

Let’s go Citizen Science?

Rückblickend können wir sagen, dass wir, abgesehen von den inhaltlichen Ergebnissen, einen großen Erfahrungsschatz gewonnen haben. Selbst ein Projekt auf die Beine stellen, bei dem zu Beginn vier Studentinnen ihre Ideen zu einem gemeinsamen Vorhaben bündeln und anschließend viele Wege und Abzweigungen entstehen, die nicht immer vorhergesehen waren, ist, wie man so schön sagt, eine Herausforderung. Eine zentrale Erkenntnis ist jedoch, dass gerade durch den Kontakt zu unserem Praxispartner und zu den Jugendlichen gute, neue Wege entstanden sind, und das ist für uns ein sehr wertvoller Aspekt. Neue Ideen durch neue Köpfe. Wir beenden das Projekt also mit dem Fazit: Let’s go Citizen Science!