How Eco AM I: Der unsichtbare Fußabdruck von KI und was Bürger*innen daraus machen

Wir klicken, suchen, schreiben und denken selten darüber nach, was das im Hintergrund kostet. Genau dieser blinde Fleck steht im Zentrum von „How Eco Am I?“: Ein Citizen-Science-Projekt, das den ökologischen Fußabdruck digitaler Anwendungen und künstlicher Intelligenz (KI) verständlich machen will. Das Herzstück: Gespräche mit Passant*innen auf der Konstanzer Marktstätte sowie der darauffolgende partizipative Workshop zur Auswertung der Ergebnisse.

von Nicola Vigehls, Rosa Riesterer, Edgar Knoblich Pascual, Tristan Stärk und Sena Ünal

Ein Teenager tippt eine Frage in ChatGPT ein. Dann noch eine. Und noch eine. Insgesamt fünfzehn Anfragen an einem Nachmittag. Die meisten für schulische Aufgaben, manche auch nur aus Neugier. Was dieser nicht weiß, jede einzelne Anfrage hinterlässt einen digitalen Schatten. Mit 0,4 bis 3 Gramm CO₂-Äquivalenten pro Anfrage summiert sich das schnell und entspricht etwa dem 10-fachen einer Suchanfrage bei Google1. Mit dem Projekt How Eco AM I wollten wir diese Lücke schließen und zu ethischen, sozialen und nachhaltigen Konsequenzen der KI-Nutzung ins Gespräch kommen. Wir sind eine Gruppe Konstanzer Studierender, die im Rahmen des Lehrprojekts „Citizens Consider(ed)” der Frage nachgingen, wie Künstliche Intelligenz den Alltag beeinflusst und was das für die digitale Nachhaltigkeit bedeutet.

KI ist längst mit Sprachassistenten, Chatbots oder Bildgeneratoren im Alltag angekommen, doch der ökologische Fußabdruck dieser Technologien bleibt weitgehend unsichtbar. Einerseits erleben viele Menschen KI als praktische Hilfe im Alltag, etwa für Schule, Studium oder Arbeit, andererseits äußern sie Angst vor Manipulation, Kontrollverlust und einem ungebremsten Energieverbrauch durch Rechenzentren. Diese Spannungsfelder machen deutlich, dass es einen Ort braucht, an dem Hoffnung und Sorge nebeneinander Platz haben können. Statt die Bürger*innen nur zu befragen, setzt unser Projekt auf Citizen Science, in dem Menschen zu Mitforschenden werden. Sie können Ihre Nutzung, Ihr Wissen und Ihre Gefühle einbringen, weil echte Lösungen dort entstehen, wo technisches Wissen und Alltagserfahrung zusammenkommen.

Citizen Science in Aktion

Für unser Event Anfang August verwandelte sich die Marktstätte in Konstanz in ein offenes Labor mit verschiedenen Postern, die Passant*innen verschiedener Altersgruppen zum Mitmachen einluden. Ein Online-CO₂-Rechner zeigte den Menschen, wie viele Emissionen ihre persönliche KI-Nutzung verursacht, während ein Vergleichsposter diese Werte neben alltäglichen Größen wie Avocados oder einer Tasse Kaffee stellte und so die unsichtbaren Zahlen greifbar machte. Auf einem der Meinungsposter konnten die Teilnehmenden ihre Haltung zu KI und Nachhaltigkeit entlang von Skalen von „schädlich“ bis „hoffnungsvoll“ sowie von „beängstigend“ bis „hilfreich“ markieren. Ein weiteres Poster sammelte offene Fragen, Lösungsideen und kontroverse Meinungen, während alkoholfreie Getränke und eine lockere Atmosphäre die Marktstätte zu einer niedrigschwelligen Plattform für ernsthafte, zugängliche Debatten über KI und Umwelt wurde.

In diesem Lehrprojekt haben wir im Sommersemester 2025 ein Experiment gewagt: Was passiert, wenn Studierende gemeinsam mit Personen aus der Bevölkerung unter Anleitung von Praxispartner*innen und Mentor*innen eigene Forschungsprojekte durchführen? Wie bereichern das unterschiedliche Fach- und Alltagswissen, die verschiedenen Perspektiven, Zugänge, Imaginationen, Fragen und Erfahrungen die Forschung zu künstlicher Intelligenz und Nachhaltigkeit? Welchen Herausforderungen begegnen wir und welcher Mehrwert entsteht für die Beteiligten?

Mehr zum Lehrprojekt findest du hier.

Geleitet wurde das Lehrprojekt von Dr. Eva Riedke (Lehrstuhl für Ethnologie und Kulturanthropologie, Universität Konstanz), Melanie Brand (Citizen Science Zürich, UZH und ETH) und Sophie Tichonenko (karla Magazin, Konstanz).

Diese Debatte führten wir einige Tage später fort. Wir trafen uns für unseren Workshop im Treffpunkt Petershausen, um gemeinsam mit Citizen Scientists mit verschiedenen Expertisen die auf der Markstätte gesammelten Meinungen und Perspektiven zur Nutzung von KI im Alltag zu reflektieren und weiterzuentwickeln. In Kleingruppen analysierten wir zunächst die Aussagen und ordneten sie verschiedenen Themenfeldern zu.

Citizen Science zielt auf ein „Forschen mit“ statt auf ein „Forschen über“ ab. Das bedeutet, dass nicht wie üblich durch klassische Befragungen über Menschen geforscht wird, sondern durch interaktive Mitwirkung gemeinsam mit Menschen geforscht und analysiert wird. Warum ist das wichtig? Weil wir alle mit unseren individuellen Erfahrungen und Blickwinkeln Wissen beisteuern, das die Forschung bereichert, stärkt und schließlich der Gemeinschaft zugutekommt.

Anschließend verdichteten wir die Ergebnisse zu übergeordneten Kategorien wie Nachhaltigkeit, Effizienz, Angst und Kontrolle. Darauf aufbauend brachten wir eigene Erfahrungen ein und konnten erste konkrete Ideen für Lösungsansätze entwickeln. Ein Informatiker fragte: „Wie stellen wir sicher, dass KI nicht missbraucht wird?“. Eine Politikstudentin ergänzte: „Es braucht gesetzliche Regelungen.“ So entstanden Ansätze wie etwa Schulungs- und Aufklärungsangebote rund um KI, eine transparente „KI-Score“-Kennzeichnung nach dem Vorbild des Nutri-Scores für Lebensmittel oder die Nutzung von Abwärme aus Rechenzentren zur Energiegewinnung.

„Wie stellen wir sicher, dass KI nicht missbraucht wird?“ – Citizen Scientists

Was hat funktioniert?

Die Ergebnisse standen am Ende einer langen Planung. Dabei traf uns die Realität wie ein Post-it auf den Kopf. Der CO₂-Rechner funktionierte mal nicht wie geplant, mal lieferte er keine repräsentativen Daten und mal wurde er schlicht falsch bedient. Die Antworten der Citizens waren sehr chaotisch, von einzelnen Wörtern bis zu mehreren Absätzen, ein wilder Mix an Gefühlen. Dementsprechend herausfordernd gestaltete sich auch die Auswertung, die teilweise widersprüchliche Meinungen aufwies.

Doch genau diese fehlende Eindeutigkeit ist kein Mangel der Methode, sondern ein authentisches Abbild der Gesellschaft. Es gibt keine eindeutige Meinung zu KI. Die Citizen Scientists brachten ihre Expertise ein, stellten kritische Fragen und bauten auf unseren Erkenntnissen auf. Besonders bemerkenswert war, dass Menschen, die zuvor nichts über den CO₂-Fußabdruck von KI wussten, plötzlich konkrete Lösungsideen entwickelten. Sie waren nicht frustriert von den chaotischen Daten, sondern setzten sie in Zusammenhang, stellten Fragen und wurden selbst zu Forschenden. So entstand Citizen Science mit echter Partizipation, echter Aufklärung und echten Lösungen.

Und Jetzt? Was bleibt?

Unser Projekt hat uns viel mitgegeben. Wir gehen bewusster mit KI-Tools wie ChatGPT um, überlegen genauer, wann eine Anfrage sinnvoll ist, und haben erlebt, wie wertvoll Partizipation sein kann. Besonders eindrücklich blieb uns das Zitat: „Da habt ihr, die jungen Menschen, eine Riesenaufgabe. Hoffentlich seid ihr da dran…“, welches uns zum Nachdenken über Verantwortung angeregt hat und auch zukünftig wichtig sein wird. Citizen Science zeigt, dass alle mitforschen können und aus eigenen Ideen neue Perspektiven entstehen. Der Austausch über KI und Nachhaltigkeit darf und wird hier nicht enden.

„Da habt ihr, die jungen Menschen, eine Riesenaufgabe. Hoffentlich seid ihr da dran…“ – Passantin beim Aktionstag an der Marktstätte

  1. Ilina, A. & Hochwarth, D. (2025, 16. August). Strom, Wasser, ChatGPT: Was kostet eine KI-Anfrage wirklich? ingenieur.de – Jobbörse und Nachrichtenportal für Ingenieure. https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/energie/chatgpt-als-energiefresser-wie-der-ki-bot-die-energie-von-31-millionen-elektroautos-verschlingt/ ↩︎