KI in der Schule: Was, wenn Schüler*innen mitforschen?

KI ist längst im Schulalltag angekommen. Doch wenn darüber entschieden wird, wie sie im Unterricht genutzt werden soll, kommen ausgerechnet die oft nicht zu Wort, die es am meisten betrifft. Das Citizen-Science-Projekt „(Kein) Bock auf KI?“ hat Zehntklässler:innen am Kreisgymnasium Neuenburg nicht nur diskutieren lassen, sondern zu Forschenden gemacht: mit Gesprächen, Beobachtungsnotizen und einer Auswertung, die zeigt, wie ambivalent Jugendliche auf Chancen, Fairnessfragen und Zukunftssorgen blicken. Ein Kurzfilm bringt diese Perspektiven in die Öffentlichkeit.

von Jojo Ohlenbusch, Noémie Krome, Amelie Gralla, Frede Lenz

KI ist da – aber wer entscheidet mit?

Spätestens seit OpenAI im Jahr 2022 ihr sogenanntes Large Language Model „ChatGPT“ auf den Markt gebracht hat, ist Künstliche Intelligenz (KI) in aller Munde. In Deutschland, aber auch andernorts, gibt es kaum Lebensbereiche, in denen KI noch nicht angekommen ist. Menschen aller Altersklassen setzen sich damit auseinander, ob im Beruf oder in der Freizeit. Wo es Internetzugang gibt, gibt es künstliche Intelligenz. Gleichzeitig ist es keine einfache Aufgabe, KI in feste Strukturen einzubinden, wie etwa an Schulen. 

In der Öffentlichkeit, in Regierungspräsidien, im Kollegium oder innerhalb der Schulleitung wird angeregt diskutiert, welche Rolle KI im Unterricht spielen kann und sollte. Bei diesen Diskussionen sitzen Personen aus verschiedenen Bereichen am Tisch: Lehrkräfte, Politiker:innen und Expert:innen aus der Wirtschaft. Doch sie alle haben eines gemeinsam – ihre Schulzeit liegt bereits hinter ihnen. Schüler:innen selbst finden nur wenig Gehör, und das, obwohl in erster Linie ihr Lernen und ihre Bildung von den Ergebnissen dieser Diskussionen beeinflusst werden. Doch was, wenn sie mitreden und sogar mitforschen könnten? Und wie könnte das aussehen?

Das Seminar als Ausgangspunkt

In diesem Lehrprojekt haben wir im Sommersemester 2025 ein Experiment gewagt: Was passiert, wenn Studierende gemeinsam mit Personen aus der Bevölkerung unter Anleitung von Praxispartner*innen und Mentor*innen eigene Forschungsprojekte durchführen? Wie bereichern das unterschiedliche Fach- und Alltagswissen, die verschiedenen Perspektiven, Zugänge, Imaginationen, Fragen und Erfahrungen die Forschung zu künstlicher Intelligenz und Nachhaltigkeit? Welchen Herausforderungen begegnen wir und welcher Mehrwert entsteht für die Beteiligten?

Mehr zum Lehrprojekt findest du hier.

Geleitet wurde das Lehrprojekt von Dr. Eva Riedke (Lehrstuhl für Ethnologie und Kulturanthropologie, Universität Konstanz), Melanie Brand (Citizen Science Zürich, UZH und ETH) und Sophie Tichonenko (karla Magazin, Konstanz).

Zu Beginn unseres Seminars „In welcher Zukunft wollen wir leben? Mit Bürger:innen zu KI in der Bodenseeregion forschen” and der Universität Konstanz, haben wir uns mit genau solchen Überlegungen auseinandergesetzt. In unserer Projektgruppe entstand schnell der Wunsch, gemeinsam mit Schüler:innen zum Thema KI in der Bildung zu forschen. Citizen-Science ist durch den Fokus auf  ein „Forschen mit” statt ein „Forschen über” eine ideale Methode, um im Bereich Bildung soziale Nachhaltigkeit mit Forschung zu künstlicher Intelligenz zu verbinden. Im Gegensatz zu üblicher Forschung in den Sozialwissenschaften gibt Citizen-Science Schüler:innen die Chance, die Forschung selbst zu gestalten. Sie bietet einen Raum, Themen zu behandeln, die die Schüler:innen interessieren und in dem ihre Einstellungen Gehör finden, ohne von oben herab abgefragt zu werden.

Der Aktionstag in Neuenburg: Diskussionen und erste Eindrücke

Nach monatelanger Planung, vielen verworfenen Ideen und neu formulierten Plänen ist unser Citizen-Science Projekt „(Kein) Bock auf KI?“ entstanden. An einem Montagmorgen im Juli haben wir uns auf den Weg in den Schwarzwald, zum Kreisgymnasium Neuenburg gemacht. Im Laufe einer Doppelstunde haben wir mit einer 10. Klasse Diskussionen zum Thema künstliche Intelligenz geführt. Die Schüler:innen haben miteinander und mit uns über Hoffnungen, Sorgen und Wünsche bezüglich KI gesprochen, die sie bei sich selbst und in ihrem Umfeld beobachten können.

Citizen Science zielt auf ein „Forschen mit“ statt auf ein „Forschen über“ ab. Das bedeutet, dass nicht wie üblich durch klassische Befragungen über Menschen geforscht wird, sondern durch interaktive Mitwirkung gemeinsam mit Menschen geforscht und analysiert wird. Warum ist das wichtig? Weil wir alle mit unseren individuellen Erfahrungen und Blickwinkeln Wissen beisteuern, das die Forschung bereichert, stärkt und schließlich der Gemeinschaft zugutekommt.

Den Tag haben wir mithilfe der Filmemacherin und Ethnologin Maika Brunn videografisch begleitet. Dadurch haben wir ein erstes Bild darüber gewonnen, in welchen Bereichen KI im Schulkontext genutzt wird, wo sie nur begrenzt oder keine Anwendung findet und inwiefern sie hilfreich sein kann. Im Anschluss an diesen Aktionstag schlüpften die Schüler:innen selbst in die Rolle der Forschenden. In Forschungsnotizbüchern dokumentierten sie eine Woche lang weitere Beobachtungen und Gedanken zum Thema.

Besprechung der Ergebnisse der „Think-Pair-Share“ Methode.

Was sagen die Schüler:innen?

Nach diesem Aktionstag ging es für uns mit der Auswertung der Forschungsnotizbücher sowie des Film- und Audiomaterials weiter. Hier hätten wir ebenfalls gerne mit einer Gruppe von Schüler:innen zusammengearbeitet. Aus Zeitgründen war dies jedoch leider nicht möglich. Wir verschriftlichten die Audiodateien also selbst, sortierten unser Filmmaterial und werteten die Daten aus. Nach und nach zeichnete sich ein spannendes Bild ab.

Die Ergebnisse unserer Forschung sind insgesamt ambivalent. Einerseits sehen die Schüler:innen die weitreichende Chance zur Nutzung von KI. Sie nannten etwa Unterstützungsmöglichkeiten sowie die erhöhte Effizienz, die KI in vielen Lebensbereichen bieten kann. In der Schule und in ihrer Freizeit nutzen die Schüler:innen KI zum Beispiel zur Unterstützung bei Hausaufgaben und zur Erstellung von Musik oder Bildern. Andererseits ist das Thema für die Jugendlichen auch mit einigen Zukunftssorgen belastet. Besonders der gesellschaftliche Wandel, den KI mit sich bringt, bereitet vielen Schüler:innen Sorgen. Unter anderem im sozialen Bereich sehen die Schüler:innen einen wachsenden Einsatz künstlicher Intelligenz kritisch.

Im Schulkontext kamen neben Aspekten der Lernhilfe auch Fragen über Fairness auf. Zuletzt beschäftigte die Schüler:innen die Frage, welche Auswirkungen eine Abhängigkeit von künstlicher Intelligenz mit sich bringen kann. An dieser Stelle sollte unser Projekt aber nocht nicht aufhören. 

Vom Klassenraum in die Öffentlichkeit: der Kurzfilm im Zebra Kino

Das Programmheft für den November im Zebra Kino. Links Oben: Citizen Science – Von Mut Zum Scheitern

Um den Meinungen der Jugendlichen auch über die Grenzen dieses Projektes hinaus Gehör zu verschaffen und den weiteren Dialog zum Thema anzuregen, haben wir unser gesamtes Projekt filmisch dokumentiert und als Kurzfilm aufbereitet. Dieser wurde Anfang November in das Programm des Zebra Kinos in aufgenommen und lief dort zwei Wochen lang als Vorfilm. Das Zebra Kino ist ein unabhängiges Kino in Konstanz und findet Anklang bei einem breiten Publikum. 

Unser Ziel, den Hoffnungen und Sorgen der Schüler:innen Aufmerksamkeit zu schenken, wurde erreicht, da nach aktuellem Stand fast 300 Konstanzer:innen den Film gesehen haben. Dabei bleibt es jedoch nicht: Im März 2026 werden wir unser Projekt auf der European Citizen Science Conference in Oulu (Finnland) vorstellen. Damit schaffen wir auch auf internationaler Ebene thematisches Bewusstsein und tragen unseren Teil zu einer Zukunft bei, in der auch junge Menschen für sich selbst sprechen können.